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Dissertation · 2009

Handlungsorientierter Lernfeldunterricht

Fachdidaktische Rekonstruktionen und pragmatische Reflexionen im Beziehungsgefüge des Unterrichts an der Berufsschule

Abstract

Die Dissertation von indeson-Gründer Dr. Rainer Gerke untersucht, was geschieht, wenn die Berufsschule ihren curricularen Anker von der Systematik eines Fachs auf berufliche Handlungsstrukturen verlagert — die deutsche Lernfeldreform. In der Verbindung von fachdidaktischer Theorie, pragmatistischer Bildungsphilosophie und einer dreistufigen empirischen Studie unter Berufsschülerinnen, Berufsschülern und Lehrkräften argumentiert die Arbeit, dass Handlungsorientierung für den Lernfeldunterricht unverzichtbar ist — und zeigt, wo die Unterrichtsrealität hinter dem Anspruch der Reform zurückbleibt.

Das Forschungsproblem

Die deutsche Berufsschule durchlief eine grundlegende curriculare Modernisierung: Lernsituationen, organisiert in beruflichen Lernfeldern, ersetzten die herkömmliche Struktur fachsystematischer Inhalte. Diese pragmatische Wende öffnet Raum für kreative Lernarrangements und verändert die traditionellen Rollen von Lehrenden und Lernenden — doch ein Jahrzehnt nach der Reform war ihre Wirksamkeit nicht hinreichend untersucht. Die Dissertation greift diese Forschungslücke auf: Sie problematisiert die Wirkungsqualität des Lernfeldkonzepts und reflektiert sie am pragmatischen Ansatz, den die Reform intendierte.

Theoretische Grundlegung

Die Arbeit fundiert handlungsorientierten Unterricht in der pragmatistischen Tradition — John Deweys erfahrungsbasiertem Lernen, Charles S. Peirce' Logik der Abduktion und Georg Kerschensteiners Berufspädagogik. Ihr analytischer Kern ist die vollständige Handlung (Informieren, Planen, Entscheiden, Ausführen, Kontrollieren, Bewerten) und die Frage, wie Lernarrangements steigender Komplexität nicht träges, sondern intelligentes, praktisch folgenreiches Wissen und gute Denkgewohnheiten hervorbringen können.

Empirisches Design

Eine dreistufige iterative Studie untersuchte, wie Lernende und Lehrende handlungsorientierte Lernarrangements wahrnehmen und nutzen:

  • 1
    Erste Iteration: 54 Teilnehmende, befragt mit kontrastierenden Fragepaaren nach Abschluss eines komplexen handlungsorientierten Lernarrangements
  • 2
    Zweite Iteration: 229 Teilnehmende über alle drei Ausbildungsjahre hinweg, befragt mit geschlossenen Fragen
  • 3
    Dritte Iteration: 28 Lehrkräfte und Unterrichtsexperten, befragt mit geschlossenen Fragen

Die fünf Thesen der Disputation

Der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt am 16. Juni 2009 vorgelegt.

Eröffnungsthese
Handlungsorientierung ist für den Lernfeldunterricht unverzichtbar

Handlungsorientierte Lernformen schaffen ein spezifisches Beziehungsgefüge in Schule und Unterricht. Gegenüber fachsystematischen Formen sind sie auf praktisch verwertbare berufliche Handlungsfähigkeit ausgerichtet. Handlungsorientierter Lernfeldunterricht ermöglicht über das fachliche Lernen hinaus fächerübergreifendes persönliches Wachstum — wenn die Produkte des Unterrichts über den schulischen Kontext hinaus wirken. Das erfordert Lernumgebungen, in denen Lernende ihr individuelles Wachstumspotenzial entfalten können.

Einführungsthese
Erfolgreiche Unterrichtspraxis erfordert pragmatische Arbeitsmodelle

Lernimpulse im Unterricht hängen davon ab, ob an Erfahrungen der Lernenden mit vorstellbaren praktischen Konsequenzen angeknüpft werden kann. Pragmatische Denkmuster prägen, wie jede und jeder Lernende unterrichtliche Probleme intellektuell bewältigt: Alle Schülerinnen und Schüler entwickeln eine individuelle, aus welterschließenden — helfenden wie blockierenden — Erfahrungen aufgebaute Methode, mit problematischen Situationen des Arbeits- und Alltagslebens umzugehen.

Zentralthese
Die Förderung guter Denkgewohnheiten wirkt über die Fähigkeit zu abduktiven Schlüssen

Das primäre Ziel der Handlungsorientierung im Unterricht ist die Ausbildung guter Denkgewohnheiten. An praktischen Konsequenzen orientierte Schlüsse stellen Verhaltensgewohnheiten infrage, die im aktuellen Handeln problematisch werden. Gute Denkgewohnheiten sind nicht primär Logiktraining oder Wissenserwerb, sondern intellektuelle Neugier, die Lernende zur Initiative bewegt. Abduktives Schließen befragt praktische Konsequenzen, um ihre tatsächliche, handlungspraktische Bedeutung zu entdecken.

Problemthese
Die Förderung beruflicher Handlungsfähigkeit im Unterricht setzt handlungskomplexe Lernarrangements voraus

Nicht Unterricht als Vortrag, sondern die Anregung individueller Lernprozesse durch Arrangements steigender Komplexität ist das Zentrum handlungsorientierten Lernfeldunterrichts. Es geht nicht nur um die Vermittlung kontextspezifischen Funktionswissens, sondern darum, beruflich bedeutsame Begründungszusammenhänge damit zu reflektieren. Handlungskomplexe Arrangements, deren Produkte über das Klassenzimmer hinausreichen, erzeugen anwendbares Wissen und reorganisieren vorhandene Erfahrung.

Perspektivthese
Handlungsorientierung im Unterricht verlangt und fördert intelligentes Wissen

Lehren und Lernen sind nicht nur zweckfreie Wahrheitssuche; sie müssen auch auf zweckgerichtetes Handeln jenseits des Klassenzimmers zielen. Eine der Komplexität der Arbeitswelt entsprechende Lernumgebung lässt Lernende ihre individuellen Lerndispositionen trainieren — gestützt durch Kooperation mit außerschulischen Partnern, multimediale Infrastruktur und gruppenbasierte Lernformen.

Empirische Befunde

Ausgewählte empirische Befunde

Über die Iterationen hinweg bestätigten die Lernenden die Bausteine handlungsorientierter Arrangements durchgängig:

  • 1
    95 % der Teilnehmenden der ersten Iteration fanden den Computereinsatz lernförderlich; 62 % in der breiteren zweiten Iteration
  • 2
    85 % (erste Iteration) und 78 % (zweite Iteration) waren motiviert, Arbeitsaufträge in Gruppenarbeit selbstständig zu lösen
  • 3
    89 % beziehungsweise 82 % konnten sich multimediale Infrastruktur als selbstverständliches Lernwerkzeug vorstellen
  • 4
    78 % beziehungsweise 76 % sahen komplexe Arbeitsaufträge als Weg zur Entwicklung beruflicher Handlungskompetenz

Die Lehrkräftebefragung relativierte dieses Bild: Während 75 % der 28 befragten Lehrkräfte und Unterrichtsexperten zustimmten, dass komplexe Arbeitsaufträge berufliche Handlungskompetenz aufbauen, hielten nur 55 % selbstständiges Problemlösen in Gruppenarbeit für hilfreich — das Zwischenfazit der Dissertation: Lernende nehmen komplexe, kooperative, technologiegestützte Arrangements an, während Lehrende noch zu konventionellen Unterrichtsformen neigen. Genau in der Schließung dieser Lücke verorten die Thesen die didaktische Arbeit.

Zitation

Gerke, R. (2009): Handlungsorientierter Lernfeldunterricht — Fachdidaktische Rekonstruktionen und pragmatische Reflexionen im Beziehungsgefüge des Unterrichts an der Berufsschule. Dissertation, Universität Erfurt.

Publikationsdetails
Autor
Dr. phil. Rainer Gerke
Institution
Erziehungswissenschaftliche Fakultät, Universität Erfurt
Disputation
Erfurt, 16. Juni 2009
Betreuer
Prof. Dr. Manfred Eckert
Prädikat
Magna cum laude
Originaltitel
Handlungsorientierter Lernfeldunterricht — Fachdidaktische Rekonstruktionen und pragmatische Reflexionen im Beziehungsgefüge des Unterrichts an der Berufsschule (Deutsch)