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GIZ-Diskussionspapier · 2022

Skills for a Just Transition to a Green Future

Sieben Thesen dazu, wie sich Berufsbildungssysteme für den Übergang zu einer grünen Wirtschaft verändern müssen — und wie die Entwicklungszusammenarbeit Partnerländer dabei unterstützen kann

Abstract

Der Übergang zu einer ökologisch nachhaltigen, kohlenstoffarmen Wirtschaft verändert Arbeitsmärkte weltweit: Neue Berufe entstehen, andere laufen aus, und Kompetenzanforderungen verschieben sich über Berufsbilder hinweg. Dieses Diskussionspapier, mitverfasst von indeson-Gründer Dr. Rainer Gerke, untersucht, welche Rolle die berufliche Bildung (TVET) spielen kann und sollte, damit dieser Übergang gerecht verläuft — und wie die Entwicklungszusammenarbeit Partnerländer dabei unterstützen kann. Auf Basis einer Auswertung aktueller Literatur und Interviews mit Vorhaben der technischen Zusammenarbeit formuliert es sieben Thesen und Empfehlungen für die Gestaltung von Interventionen der Entwicklungszusammenarbeit im Bereich Green Skills.

Warum diese Forschung wichtig ist

Grüne Volkswirtschaften brauchen grüne Kompetenzen — doch in vielen Partnerländern der Entwicklungszusammenarbeit sind die Berufsbildungssysteme nicht darauf vorbereitet, sie hervorzubringen. Wo Umweltagenden und Kompetenzpolitiken isoliert voneinander entwickelt werden, kommen die Fachkräfte zu spät oder gar nicht in den Sektoren an, von denen der Übergang abhängt: erneuerbare Energien, Energieeffizienz, nachhaltiges Bauen, Abfallwirtschaft und zirkuläre Wertschöpfungsketten. Das zentrale Anliegen des Papiers: Ein Übergang kann nur gerecht sein, wenn die vom Strukturwandel betroffenen Menschen — einschließlich der Beschäftigten der informellen Wirtschaft — befähigt werden, an ihm teilzuhaben.

Gegenstand und Methode

Die Studie ist das Eröffnungspapier einer fünfteiligen GIZ-Reihe zum Greening der Berufsbildung. Sie verbindet eine Auswertung der aktuellen wissenschaftlichen und politischen Literatur mit Interviews aus Vorhaben der technischen Zusammenarbeit der GIZ und thematischen Gesprächen mit Fachleuten der Entwicklungszusammenarbeit und Wirtschaft. Der Schlussteil überführt die Analyse in Orientierung für die Interventionsgestaltung und skizziert vier Projekttypen für die Green-Skills-Entwicklungszusammenarbeit.

Die Fragen, die das Papier behandelt

  • 1
    Wie verändert sich Beschäftigung auf formellen und informellen Arbeitsmärkten in Entwicklungsländern, und wie müssen Berufsbildungssysteme gestaltet sein, um den Anforderungen einer grünen Wirtschaft zu genügen?
  • 2
    Wie lässt sich sicherstellen, dass der Übergang zu einer grünen Wirtschaft gerecht verläuft und vulnerable Gruppen einbezieht?
  • 3
    Was lässt sich aus der Anpassung von Berufsbildungssystemen in Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern für Interventionen der Entwicklungszusammenarbeit lernen?
  • 4
    Welche Rolle spielen der breitere institutionelle Kontext, Regulierung und privatwirtschaftliche Rahmenbedingungen in entstehenden grünen Sektoren für die Stärkung von Berufsbildungssystemen?

Die sieben Thesen

Die Thesen sind thematisch gebündelt: Die ersten drei behandeln den politischen und wirtschaftlichen Rahmen, von dem ein gelingender Übergang abhängt; die Thesen vier bis sieben untersuchen Rolle und Gestaltung der Berufsbildungssysteme darin.

These 1
Eine erfolgreiche Just Transition erfordert die kohärente Verzahnung grüner Agenden mit Kompetenzentwicklungspolitiken

Bildungs- und Berufsbildungssysteme müssen systematisch auf Nachhaltigkeit ausgerichtet werden — das gelingt nur, wenn Nachhaltigkeit in die Entwicklungsstrategien eines Landes und alle Politikfelder einschließlich der Berufsbildung einfließt und die Berufsbildung umgekehrt in Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitiken integriert wird. Entwicklungsländern fehlen oft die nötigen Strukturen; sie können jedoch durch gestärkte Governance- und Koordinationsmechanismen unterstützt werden.

These 2
Die Privatwirtschaft braucht Anreize, Sanktionen und Unterstützung, um eine Nachfrage nach Green Skills zu entwickeln

In vielen Ländern reichen Marktanreize nicht aus, damit Unternehmen grüne Kompetenzen nachfragen: Umweltinvestitionen rechnen sich selten kurzfristig, und Regulierung wird oft schwach durchgesetzt. Die Beschäftigungsgewinne qualifizierter Fachkräfte bleiben aus, solange die Privatwirtschaft nicht umfassend incentiviert und unterstützt wird, grüne Arbeitsplätze zu schaffen — Interventionen in Sektoren mit grünem Potenzial sollten deshalb sowohl das Regulierungs- als auch das Anreizsystem adressieren.

These 3
Eine Just Transition kann ohne die Integration der informellen Wirtschaft in grüne, wirtschaftliche und berufsbildungspolitische Politiken nicht gelingen

Angesichts des Gewichts der informellen Wirtschaft in vielen Entwicklungsländern müssen Übergangsprozesse ihr angemessene Aufmerksamkeit widmen — sowohl um umweltschädliche informelle Aktivitäten zu reduzieren als auch, im Sinne von Leave No One Behind, um modernisierte Berufsbildungssysteme für marginalisierte, informell arbeitende Menschen zu öffnen.

These 4
Berufsbildung ist entscheidend, um Arbeitskräfte auf eine Just Transition vorzubereiten — doch Berufsbildungssysteme müssen gestärkt und mit umfassenden sozialen Sicherungsmaßnahmen verzahnt werden

Der Wandel zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft bringt strukturelle, teils disruptive Arbeitsmarktveränderungen. Berufsbildungssysteme und Arbeitsmarktpolitik können sich rechtzeitig darauf vorbereiten, wenn sie flexibel auf veränderte Kompetenzanforderungen reagieren, solide berufliche und übertragbare Kernkompetenzen vermitteln, Erstausbildung ebenso wie Um- und Weiterqualifizierung abdecken, Frauen gleichberechtigt einbeziehen und mit aktiver Arbeitsmarktpolitik verzahnt sind.

These 5
Just Transition erfordert ganzheitliche Berufsbildungsreformen im Einklang mit Bildung für nachhaltige Entwicklung, um Relevanz, Attraktivität und Inklusivität zu sichern

Viele Berufsbildungssysteme sind derzeit zu schwach, um einen gerechten Übergang zu tragen: Governance-Mechanismen fehlen, die Finanzierung ist dünn, qualifizierte Lehrkräfte sind knapp, und Anschlüsse an andere Bildungswege fehlen. Nötig sind breite, gut koordinierte Reformen — ausgerichtet an Nachhaltigkeits- und Digitalisierungspolitiken, mit Mehrebenen-Governance, verzahnt mit anderen Bildungsformen und ergänzt um die Verankerung von Bildung für nachhaltige Entwicklung sowie Green-Skills-Qualifizierung des Berufsbildungspersonals.

These 6
Just Transition erhöht den Bedarf an Arbeitsmarktprognosen, um entstehende Kompetenzbedarfe zu decken

Höhere Arbeitskräftemobilität, kürzere Innovationszyklen, Digitalisierung und Greening machen künftige Kompetenzbedarfe zunehmend dynamisch. Antizipationsmechanismen können auf nationalen Arbeitsmarktinformationssystemen aufbauen, wo diese funktionieren — sektorale oder lokal verankerte Prognostik ist mitunter die effizientere Alternative. Privatwirtschaftliches Engagement und die enge Verzahnung von Prognostik und Berufsbildungssystem sind unverzichtbar, um Erkenntnisse in modernisierte, grünere Berufsprofile und Curricula zu übersetzen.

These 7
Der entstehende Kompetenzbedarf einer Green Economy verlangt von der Berufsbildung, bestehende Berufsprofile schnell anzupassen und neue zu entwickeln

Berufsbildungssysteme reagieren oft langsam auf veränderte Kompetenznachfrage. Politik und Praxis müssen hinreichend schnelle Antworten auf Marktbedarfe gegen die Verankerung modernisierter oder neuer grüner Qualifikationen in Qualifikationsrahmen abwägen. Zu den Rapid-Response-Ansätzen zählen die Unterstützung betrieblicher Trainingsprogramme, non-formale Trainings und zertifizierte Module, die später in bestehende Berufsprofile eingehen können — geleitet von der Greening-Relevanz der Berufsfelder, der Nachfrage nach Green Skills und der Analyse der Branchenpraxis.

Zitation

Bauereis, L.; Denker, A.; Gerke, R.; Horn, S.; Lange, R.; Rinelli, F.; Langthaler, M. (2022): Skills for a Just Transition to a Green Future. Discussion Paper. Bonn: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH.

Cover des GIZ-Diskussionspapiers Skills for a Just Transition to a Green Future
Publikationsdetails
Autorinnen und Autoren
Lukas Bauereis, Astrid Denker, Dr. Rainer Gerke, Dr. Steffen Horn, Ralf Lange, Frauke Rinelli (FAKT Consult); Dr. Margarita Langthaler (Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung)
Herausgeber
Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH — Sektorvorhaben Berufliche Bildung (TVET)
Ort und Datum
Bonn, Oktober 2022
Reihe
Teil einer fünfteiligen Studienreihe: dieses Diskussionspapier, drei Sektorstudien (TVET for Renewable Energies, TVET for Sustainable Construction, TVET for Sustainable Mobility) und ein Visionspapier
Hinweis
Das Papier dient als Input für interdisziplinäre Fachdiskussionen und gibt keine Positionen des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) wieder
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